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“Blanquitud”.
Schlüssel zum Verständnis
der amerikanischen Moderne*

Bolívar Echeverría



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“Sie haben teuere Kleider”, sagte Karl […].
“Ja”, sagte Robinson, “ich kaufe mir fast jeden
Tag irgend etwas. Wie gefällt Ihnen die Weste?”
“Ganz gut”, sagte Karl. “Es sind aber keine wirklichen
Taschen, das ist nur so gemacht”, sagte Robinson und
fasste Karl bei der Hand, damit sich dieser selbst
davon überzeuge.

Franz Kafka, Amerika

Die “Amerikanisierung” der Moderne während des XX. Jahrhunderts ist ein allgemeines Phänomen: es gibt keinen einzigen Zug des zivilisierten Lebens in diesem Jahrhundert, dem der “Amerikanismus” oder die “amerikanische Identität” seine oder ihre Marke nicht aufgeprägt hat, das heißt, der nicht auf irgend eine Weise eine "amerikanische" Überdeterminierung zeigt. Es handelt sich um ein Phänomen das sich nicht nur –wie man erwarten würde- in der nordamerikanischen Gesellschaft zeigt, wo es im XVII. Jahrhundert entstanden ist, sondern bereits seit Ende des XIX. Jahrhunderts auf dem ganzen Planeten existiert, lange vor der zweiten Nachkriegszeit und der Überschwemmung der westlichen Welt durch die „amerikanische Mode“ und den „amerikanischen Lebensstil“ (mit ihren emblematischen Objekten und Attitüden: chewing gum, westerns, blue jeans, coca-cola, big-band music, hot-dog, Disney Gestik, aber auch Egalitarismus, Automobilismus, pragmatische Einfachheit und Dynamik, usw.).

  Die Ausbreitung der “amerikanischen” Moderne jenseits ihrer ursprünglichen Grenzen hat sich nicht nur auf relativ neue “postkoloniale” Räume ausgerichtet -wie Asien oder Afrika, wo die europäische Moderne sich apart hielt, wie eine fremde oder elitäre Sonderwelt-, sondern auch und mit besonderer Kraft auf Konstellationen einer langen Tradition der Moderne, wie diejenigen Europas oder Lateinamerikas.

  So wie in der ganzen modernen Geschichte, bezahlen auch in dieser Jahrhundertwende die Gesellschaften und Staaten außerhalb Europas –vom Fernen Osten, z. B.- den Zugang zu den “zivilisatorischen Vorteilen” der Modernisierung mit einer mehr oder weniger tiefen “Okzidentalisierung” ihres Lebens; neu ist es nur, dass “Okzidentalisierung” sich nun in “Amerikanisierung” verwandelt hat. Seit Ende des II. Weltkriegs, in Zeiten der “globalisierten Welt”, hat sich der “Amerikanismus” als die Identität franca oder minimal universelle durchgesetzt, die alle Einwohner des Planeten teilen müssen, wenn sie es anstreben, technisch angemessene Nutzer der modernen Güter zu sein, oder Eintritt haben wollen in die verschlüsselte Dimension des modernen Lebens.

  Das Interesse, das spezifisch “Amerikanische” der gegenwärtigen Moderne hervor zu heben, gründet auf der Untersuchung folgender Fakten und Tendenzen: der Dekompositionsprozess der letzten Hälfte des XX. Jahrhunderts, der sich auf das Ganze des ökonomischen, sozialen und politischen Lebens erstreckt -und der die Weltgeschichte in Richtung einer katastrophalen Situation von bisher unbekanntem Ausmaß und unerwarteter Radikalität zu führen scheint-, verfolgt eine Entwicklungslinie, die von einer der unterschiedlichen Versionen der kapitalistischen Moderne bestimmt wird, der „amerikanischen“. Jeder Versuch dieses Verderbungsprozess und seine Folgen zu bremsen, ihn einfach zu überleben oder ihn vielleicht umzukehren muss sich –wenn er durchführbar sein will- nach den Mitteln fragen, die dazu in der aktuellen Situation der Moderne zu finden sind. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, diese Mittel seien die selben oder von der selben Sorte geblieben, wie jene die Anfang des XX. Jahrhunderts das zivilisierte Europa zur Verfügung hatte, um aus seinem eigenen Irrweg zu entkommen -und die damals unverwendet blieben, mit den katastrophalen Folgen, die wir alle kennen.

  Die Unterschiede jedweder Sorte (sei es im technischen wie im sozialen und politischen) zwischen der vor hundert Jahren vorherrschenden Moderne (die „europäische“) und der Moderne die heute dominiert (die „amerikanische“), können sehr klar im partikulären erscheinen, sind aber irreführend im allgemeinen. Nur wenn man sie präzis beschreibt und kritisch analysiert, wird man das Spezifische der Letzten hinter ihrer Ähnlichkeit mit der Ersten entdecken und wird man so in ihr selber bestimmte neue Mittel ausfindig machen, die vielleicht verwendet werden könnten, wenn es darum geht Widerstand gegen sie zu leisten.

1.

Die Moderne ist ein „zivilisatorisches Projekt“, das Anfang des zweiten Millenniums unserer Zeitrechnung begonnen hat, sich spontan und unbewusst im praktischen Leben der europäischen Gesellschaften zu formen und aktiv zu werden. Ihr Unterfangen ist seitdem gewesen, das menschliche Leben und seine Welt auf solche Weise vom Grund auf neu zu bauen, dass dabei die "neotechnische Revolution", die sich zu jener Zeit auf dem ganzen Planet ankündigte, sich verwirklichen und entwickeln kann. Das Eigentümliche des kapitalistischen Projekts der Moderne lag in der „Methode“ die es angewendet hat um diese Rekonstruktion anzufangen. Die Förderung der Neotechnik wurde dem „Kapitalismus“ überlassen, mit dessen Suche nach allen Mitteln, die erst nur im Warenaustausch und dann in der Warenproduktion einen Mehrwert bewirken können. Durch ihn hat die zivilisatorische Rekonstruktion einen besonderen Sinn erhalten: sie sollte der damals schon zwei tausend Jahre alte Marktorientierung des zivilisierten Lebens „noch eine letzte Schraubendrehung“ geben: die Radikalisierung des Grades der Subsumtion oder Unterordnung der „Naturform“ des menschlichen Reproduktionsprozesses unter ihre eigene „Wertform“, d.i. unter einen von ihr selbst -als Warenwert-reproduzierenden Prozess- entwickeltes abstraktes „Doppel“. [Siehe infra die Note über diese Begriffe.] Diese zusätzliche „Drehung“ oder Radikalisierung besteht darin, dass jene Subsumtion aus einem Faktum das nur „formal“ oder rein äußerlich ist, sich in ein anderes verwandelt, das „real“ oder technisch ist, bei dem die eigentümliche kapitalistische Produktionsweise in die innere, strukturale Beschaffenheit des instrumentalen Feldes –der „Apparatur“- übertragen ist oder von ihr verkörpert wird; ein Faktum übrigens, dass die Gestaltung der menschlichen Arbeit als einen Prozess von Lohn-Ausbeutung („moderne Sklaverei“) der Mehrheit der Bevölkerung („Proletariat“) durch eine Minderheit derselben („Bourgeoisie“) fördert und verallgemeinert.

  Der dominierende Prozess in der Geschichte der europäischen Modernisierung ist zweifellos jener der zur Verallgemeinerung eines télos führt, das von der kapitalistischen Produktionsweise im sozialen Leben eingepflanzt wird: die Selbstverwertung des Wertes des als eine „ungeheure Warensammlung" konstituierten objektiven Reichtums. Er ist wohl der dominierende, aber doch nicht der einzige. Neben ihm bilden sich an dieser Geschichte entlang andere Entwürfe modernen Lebens, die ihn wiederholt bekämpfen, da sie ihre téleos nicht aus der „Wertform“ entwickeln, sondern aus deren Gegensatz, der „Naturform“ des menschlichen Reproduktionsprozesses. Es handelt sich allerdings um Entwürfe über die der Dominierende bisher gesiegt hat und „nicht aufhört zu siegen“, die aber gerade aus ihrem besiegten Status heraus eine rätselhaft faszinierende Gravitation ausüben, welche nur von einem „historischen Materialisten“ zu entziffern ist, der -wie jener der Thesen von Walter Benjamin- die Geschichte „gegen den Strich“ zu kämmen versteht.

2.

Das zivilisatorische Projekt der kapitalistischen Moderne konnte sich konkret geschichtlich nur durchsetzen, erstens, durch den Einfall in die schon existierenden zivilisatorischen Gestaltungen Europas, welche es dann ersetzte, wenn es sich in ihnen nicht behaupten konnte, und zweitens, durch die Unterdrückung anderer zivilisatorische Entwürfe, die eine andere, nicht kapitalistische Weise beinhalteten, die proto-moderne technische Umwälzung zu verwirklichen. Die konkret geschichtliche Wirklichkeit der modernen Zivilisation in Europa wird nur dann verständlich, wenn man sie als die Durchführung einer praktischen Unternehmung entziffert, die nur vorwärts kommen konnte, wenn sie sich als ein Prozess gestaltete, durch den sie alle Widerstände überrollte, die ihr sowohl die vorgegebenen nicht modernen Zivilisationen wie auch die unzähligen unbekannten Entwürfe moderner Zivilisation entgegenbrachten. Ein Prozess der zu einem Kampf führte, in dem die stärkere Partei, die kapitalistische, nur durch einen dynamischen Zusammenhang von Kompromissen siegreich werden konnte, der es sowohl den vor-modernen oder den nicht-kapitalistischen zivilisatorischen Projekten erlaubte, bestimmte wesentliche Züge der "Naturform" des sozialen Lebens zu retten und zu behaupten, als auch die kapitalistische Partei zwang, ihre Selbstbehauptung umzulenken oder hinauszuzögern.

  Vor allem in der Mittelmeerwelt, als Folge einer mehrere Tausend Jahre währenden Geschichte, in der die "formale Subsumtion“, vom Handels- und Wucher-Kapital (vom „antediluvianischen Kapital", wie Marx es nannte) in der Okzidentalen Zivilisation durchgesetzt wurde, hatte das soziale Leben sich in einer reichlich vernetzten Mischung von Identitäten entwickelt, in einem breiten und komplexen Zusammenspiel sittlicher Gestaltungen, die im Alltagsleben mit großer Lebendigkeit kultiviert wurden. Das war der Grund, warum in diesem Raum Europas der Übergang von der Vorherrschaft des "antediluvianischen" Kapitals zu der des "produktiven Kapitals" -das Kapital, das die "reale Subsumtion" des sozialen Lebens unter die Dynamik des Kapitalismus durchsetzt- zu einer Situation führte, die besonders widersprüchlich war. Sie gestaltete sich so widersprüchlich, dass -bei der Französischen Revolution angefangen- eine ganze Epoche sich eröffnete, die der "Aktualität der Revolution" (wie Georg Lukács sie nannte), in der ein alternatives Projekt von Moderne, das kommunistische Projekt, die Vervollkommnung der kapitalistischen Moderne in großer Gefahr brachte. (Fernand Braudel stellt die Schwierigkeit dieses Übergangs fest, als er dem Kapital eine "Fremdheit" und eine "Unbeholfenheit" auf dem Gebiet der Produktion ankreidet.)

3.

Die Geschichte der kapitalistisch modernen Zivilisation in Europa teilt sich im XVII. Jahrhundert. Zwei Entwicklungslinien oder -branchen behaupten sich, die parallel und gleichzeitig verlaufen, aber unabhängig von einander sind: die antonomastisch offensichtliche Hauptlinie, die europäische, und die anscheinend sekundäre, die "(nord)amerikanische".

  Was diese beiden Verzweigungen voneinander unterscheidet, kann unwichtig erscheinen, hat aber schwerwiegende Folgen gehabt: Es ist der Dichtegrad des dynamischen Zusammenhangs der Kompromisse zwischen der Verwirklichung des kapitalistischen zivilisatorischen Projekts und der schon (seit archaischen Zeiten) zivilisierten oder sich neu zivilisierenden Welt, Kompromisse die sich herstellen sobald jene Verwirklichung anfängt, diese Welt zu verändern. Der europäische ist der “unreine” Zweig der modernen Zivilisation wegen des hohen Grads an Komplexität, der dieser Zusammenhang von Kompromissen bei ihm erreicht. Sie entfaltet sich langsam entlang eines verzwickten Weges, auf dem sie eine “heidnische” soziale Identität, die ihre eigene Beständigkeit und Dynamik besitzt, umgestalten muss, wobei sich die kapitalistische “Wertform” gezwungen sieht, sich der vielfältigen und komplexen Geltung der konkreten –teils noch vor-modernen und teils schon proto-modernen- Form des Lebens (der “Natur“-Form) anzupassen.

  Dagegen ist der “amerikanische” Zweig dieser Zivilisation praktisch “rein”: bei ihm ist der Konflikt zwischen dem kapitalistischen Impuls und dem “naturalen” Widerstand sehr dünn. Seine Entwicklung vollzieht sich bis Ende des XIX. Jahrhunderts ohne nennenswerte Schwierigkeiten einer fast geraden Linie folgend, durch ein vereinfachtes oder prekär gewordenes zivilisiertes Leben, in dem die “naturale” Identifizierung des umzugestaltenden Lebens sich darauf reduziert, den Glauben an die jüdisch-christlichen Heiligen Botschaften (Schriften) brennend zu befolgen und den moralischen Richtlinien, die aus ihm folgen, blindlings zu gehorchen.

  Hinter den anscheinend rein doktrinären Differenzen, die die Christen des europäischen Stamms von den puritanischen Kolonisatoren trennten, die den amerikanischen Zweig gründen sollten –gerade jene, die ihre Vertreibung nach Amerika rechtfertigten-, waren andere, in höherem Maße entscheidende oder bestimmende Divergenzen am Werk. Sie hatten zu tun mit dem Grad an “Verarbeitung” oder Vermischung (Mestizaje) oder dem Maß an “Einfachheit” oder Reinheit (casticidad) die der Modernisierungsimpuls sowohl bei der einen als bei der anderen konkreten christianisierten Gesellschaft angetroffen hat.

  Die europäische Moderne in der Zeit vom XVI. zum XVIII. Jahrhundert, so wie ihre Rekonstruktion im iberischen Amerika, ist im wesentlichen eine südeuropäische Moderne oder eine Moderne des Mittelmeer-Raumes; die “amerikanische” Moderne hingegen stammt seit dem XVII. Jahrhundert von einer Moderne ab, die aus dem Nordwesten Europas kam. Hinter diesem geographischen Unterschied steckt hier eine Identitäts-Differenz, die bekanntlich ein großes Gewicht bei der Befestigung der kapitalistischen Form der Reproduktion des sozialen Reichtums hatte. Die erste ist eine “katholische” Moderne, die zweite eine “protestantische”, und nicht so sehr im theologischen Sinne dieser Adjektive, als vielmehr in einem politisch-identitären, der den Radikalitätsgrad der Christianisierung des sozialen Alltagslebens in Betracht zieht, das heißt, auf das Maß achtend, in dem die christlich-religiöse Versammlung, die ecclesia, den Platz der archaischen Gemeinschaft, der polis, als sozialisierende und identifizierende Instanz besetzt hatte.

  Die katholisch- oder süd-europäische Moderne zeigte einen relativ niedrigen Grad an Christianisierung, weil ihre sittliche Welt aus einem Evangelisationsprozess stammte, dessen zerstörerischen Folgen für die heidnische Identitäten und Kulturen der Mittelmeer Gesellschaften durch einen unaufhörlichen Widerstand geschwächt wurden. Wenn sie sich durchsetzten und über jene Identitäten dominieren konnte, war es nur weil sie, diesen Widerständen nachgebend, eine Toleranz-„Strategie“ gegenüber den Idolatrien verfolgte, die ihre eigene christliche Identität und Kultur lockerte und sie auf diese Weise fähig machte, diese Idolatrien in sich selbst zu integrieren.

  Dagegen zeigte die protestantische oder nordwest-europäische Moderne einen hohen Grad an Christianisierung, weil ihre sittliche Welt in einem Prozess der Evangelisierung der nordeuropäischen Identitäten und Kulturen (germanische, keltische, usw.) entstanden ist, von denen nach der römischen Unterjochung nur Ruinen geblieben waren. Der verwüstende Lauf dieser Modernisierung fand keine großen Hindernisse und sie selbst musste keine prinzipielle Konzessionen zugestehen und sich in keine Mestizaje-Komplikationen verwickeln. Sie konnte der christlichen ecclesia eine puristische oder integristische Bestimmung oder Identifizierung geben und jene einheimische Gemeinschafsruinen in eine „barbarische“ oder häretische Peripherie bannen, wo sie immer als unterdrückte und permanente Drohung verblieben sind.

4.

Mit der christliche Religion ist es so, als ob sie die geschichtliche Aufgabe gehabt hätte, eine Form von Vergesellschaftung vorzubereiten, die von einem éthos geleitet ist, das sie imstande setzt, dem „Geist des Kapitalismus“ (Max Weber) zu entsprechen. Eine Vergesellschaftung die eine gefügige, „ja-sagende“, „realistische“ Antwort geben kann auf das Begehren dieses „Geistes“ nach einer gewissen sittlichen Bestimmung des sozialen Körpers, gerade die Bestimmung jenes „Menschentypus“ der funktional ist für die Subsumierung des menschlichen Lebens unter das Kapital und deswegen in der „real existierenden Moderne“ seine „Heimat“ findet. Die „amerikanische“ Moderne, als Verlängerung der partikulär nordwestlichen Moderne, bringt die Konstruktion einer solchen Vergesellschaftung zu ihrer Vollendung.

  In seiner geschichtlichen Verwirklichung muss der kapitalistische Akkumulationswille eine konkrete Erscheinungsform annehmen, er hat aber von sich aus keine Veranlagung, eine bestimmte unter den dazu geeigneten vorhandenen gemeinschaftlichen Identitäten auszuwählen. Jedoch, da eine solche Verwirklichung kein „Beispiel“, sondern einzigartig und unwiederholbar ist, und da die christliche Gemeinschaften des Nordwesten Europas zufällig jene waren, die es den Kapitalismus gestatteten, sich am reinsten und stärksten zu entwickeln, waren sie diejenigen welche de facto anfingen, mit ihren identifizierenden (ethnischen und sittlichen) Eigentümlichkeiten den idealen kapitalistischen Eigenschaften ein „menschlicher Antlitz“ zu verleihen, und sich mit ihnen verschmeltzten. Um eine soziale Geltung als kapitalistisch Moderner zu genießen, genügte es nicht, dies zu sein, sondern man musste auch als solcher (als „santo visible“ oder „augenscheinlich Erwählter“) bemerkt werden können. Die „Form“ wurde zum „Inhalt“, das Sekundäre wesentlich, das Zufällige notwendig, und eine neue seltsame soziale Identität entstand, die blanquitud (das sittlich-Weiss-sein) des "sittlich-weißen“ Menschen (der nicht immer „ethnisch-weiß“ zu sein braucht).

  Auf dem „amerikanischen“ Weg der kapitalistischen Modernisierung, findet die Determinierung des sozialen Lebens und seiner Welt durch den Markt, die Subsumtion ihrer „Naturform“ unter ihre eigene „Wertform“ unter Bedingungen von extreme Schwäche der ersteren, von Mangel an Mittel, sich gegen die Aktion der letztere zu wehren, statt. Es handelt sich um ein „naturales“ Leben, dessen Kreativität „auf Eis“ gelegt ist, verschlossen in der Inertie oder in der Wiederholung des immergleichen. Wenig, fast nichts gibt es in der praktischen Erfahrung des sozialen Individuums, das ihn zur Wahrnehmung des Widerspruchs zwischen der Produktion/Konsumtion von Objekte als „irdische Güter“ und der Produktion/Konsumtion derselben als Waren, „himmlische Güter“ oder bloße Behälter von ökonomischem Wert führt.

  Im „amerikanisch“ modernen Leben treibt die langsame aber beständige Entwicklung einer schon dem Kapital untergeordneten „Naturform“ die Erforschung der quantitativen Wachstumsmöglichkeiten der Warenwelt über jegliche „natürliche“ Grenze hinaus; andererseits aber beharrt sie auf einer Wiederholung, ohne nennenswerte Veränderungen, der althergebrachten qualitativen Beschaffenheiten derselben. Die neuen Gebrauchswerte werden nur entdeckt als Resultate der Projektion des willkürlich erneuernden, aber tief konservativen (d.h., nicht das archaische System der Bedürfnisse sprengende) Verlangens der Privateigentümer nach einer passiven, aber als unerschöpflich angenommenen Natur. In den USA, z.B., erscheinen, trotz der spektakulären äußerlichen Veränderungen der Lebenswelt in den letzten vierhundert Jahren, die gleichen „Werte“ des „early american“ nunmehr wieder als Werte des „postmodern american“.

  Es handelt sich um eine Entwicklung, die in klaren Kontrast steht zu der Geschichte der europäischen Moderne. Die neu entdeckten Gebrauchswerte der Warenwelt werden auch hier durch den kapitalistischen Wert umgestaltet, aber in einem Prozess, in dem trotzt allem die eigene sozial-naturale „Veränderungslogik“ der Lebenswelt anerkannt und die Formenkreativität der „irdischen“ oder materialen kollektiven Interaktionen mit der Natur doch respektiert werden müssen.

  Die Geschichte der europäischen Moderne zeigt Phänomene, die in der Entwicklung der „amerikanischen“ Moderne undenkbar wären. Darunter ist das wichtigste -das den großen und konfliktvollen Reichtum an modernen Lebensformen in Europa erklären könnte- vielleicht die Vielfältigkeit der Weisen, die die europäische Moderne dem einzelnen bzw. kollektiven Individuum eröffnet, seine kapitalistische Bestimmung zu „überleben“. Sie ermöglicht, dass neben dem „realistischen éthos“ der kapitalistischen Zivilisation -das die Abhängigkeit der Moderne vom Kapitalismus aus der empirischen Erfahrung der Selbsaufopferung des „Naturindividuums“ als einer Profit-bringenden Quelle ableitete-, sich noch andere mit ihm konkurrierende, nicht „realistische“ éthe formieren. Es entstanden diverse Strategien, die es dem Individuum gestatteten, die Gravitation des Widerspruchs zwischen „Naturform“ und „Wertform“ auf sein Leben zu überwinden: Lebenshaltungen, die mit ihren zahlreichen Kombinationen die sittliche Wirklichkeit der europäischen Moderne ganz besonders bereicherten. Außer der „realistischen“ Verneinung jeden kapitalistischen Widersprüchlichkeit und jeder kapitalistischen Subsumtion, entwickelte der moderne Mensch auch eine „romantische“ Weise der Verneinung, bei der umgekehrt die „Naturform“ der Gemeinschaft (das “Volk”) als das subsumierende Subjet galt, während das Kapital -eine vorübergehende, negative aber notwendige Gestalt derselben- als die subsumierte Kraft erfahren wurde. Davor hat er noch ein anderes éthos entwickelt, ein „aufgeklärtes“ oder „neoklassisches“ éthos, bei dem die Subsumtion als ein unvermeidliches aber doch rational und “menschheitsfreundlich” lenkbares Schicksal hingenommen wurde. Es existiert zudem auch noch das erste, das dem “realistischen” éthos sich entgegensetzende, das „barocke“ éthos, bei dem die kapitalistische Zerstörung der „Naturform“ des Lebens und des Gebrauchswerts der Objekte dank einer alltags-praktischen umkehrenden Inszenierung derselben als unwirksam erfahren wurde.

  Wenn man nur auf den Wesenszug der kapitalistischen Moderne achtete, müsste die Amerikanisierung der Moderne als eine Vervollkommnung bewertet werden, als das Ankommen am Punkt, an dem der Zusammenhang zwischen der Verwirklichung der neotechnischen Erneuerung der Produktivkräfte und der kapitalistischen Weise sie zu bewerkstelligen nicht enger sein könnte. Mit ihr würde man den höchst möglichen Grad der Subsumtion der “Natur-Logik” oder “Logik” des Gebrauchswerts des modernen sozialen Lebens unter die kapitalistische “Logik” der Selbstverwertung des Marktwertes der Waren erreichen, den Grad an dem beide an der Grenze dazu sind, identisch miteinander zu werden.

   Wenn man aber auf die Geschichte der konkreten Formbeschaffenheit des modernen Lebens achtet, erscheint die Amerikanisierung als eine radikale Verwüstung. Sie bewirkt einen totalen Bruch mit der nicht nur antiken, sondern auch katholisch-christlichen vormodernen Vergangenheit, eine Vergangenheit ohne die, ihre geschichtliche Substanz wesentlich geschmälert wird -da die Moderne sich nur als eine “bestimmte Negation” voriger zivilisatorischer Projekte behaupten kann. Außerdem bewirkt sie auch noch eine systematische Abschaffung der Konkurrenz unter den verschiedenen éthe oder Lebensstrategien, die im Alltagsleben der kapitalistischen Moderne möglich sind. Sie sichert dem “realistischen” (protestantischen oder puritanischen) éthos das Monopol des kapitalistischen Verhaltens der Individuen.

  Drei Jahrhundert nach ihrer Entzweiung, kommen die “europäische” und die “amerikanische” Linie der modernen Geschichte wieder zusammen. Die erste hat mittlerweile die kapitalistische Moderne zu einem kritischen Zustand der Selbstverneinung geführt, während die zweite zu einem der fast vollständigen Verwirklichung. Von dem kommunistischen Projekt einer eigenen alternativen Moderne in Frage gestellt, kommt die Krisis, in der sich die europäische Moderne befindet, von ihrer Unfähigkeit, die Aufgabe der totalen Unterordnung der “Naturform” (sei es in ihrer traditionalen oder in ihren neuen Versionen) befriedigend zu beenden. Dem gegenüber wächst die zweite, die “amerikanische” Moderne und verbreitet sich selbstzufrieden, denn sie ist sich sicher, die Aufgabe vollständig beendet zu haben.

  Die breiten “verbindenden Gefäße”, die sich sodann zwischen beiden Versionen der kapitalistischen Moderne installieren, dienen nicht einer Zurückführung der „amerikanischen“ Moderne in die „europäische“, sondern einem Einfall der ersten in die zweite, mit dem Zweck, sie zu integrieren oder zu ersetzen -ein Prozess, der zu dieser Jahrhundertwende zu seinem Ende zu kommen scheint.

5.

Die Symbiose beider spritzt neues Mark in die „europäische Moderne“ und belebt sie, nicht nur, aber vor allem nach dem zweiten Nachkrieg; es handelt sich aber um eine Transfusion, die nur auf jene Stellen ausgerichtet ist, welche die „amerikanische“ Moderne bei ihr als noch „zu rettende“ feststellt. Auf diese Weise verursacht die Symbiose in ihr eine Spaltung in zwei verschiedene Versionen: eine, die sich selbst entschieden „amerikanisch“ umgestaltet, und Andere, die ihrem traditionalen europäischen Weg treu bleibt –eine Version übrigens die sich in einer tiefen Selbstverständniskrise befindet-. Wie Jean Baudrillard zu behaupten, ein Europäer zu sein, bringt heut zu tage ein Zugeständnis mit sich: hinter all den selbstkritischen Versuchen hat immer eine „amerikanische Wahrheit“ im europäischen Horizont gewartet –wie ein noch zu erfüllenden Schicksal; ein Zugeständnis, das noch von einer Feststellung begleitet wird: genau das, wogegen jede kapitalistische Moderne gerichtet ist –und was in der „amerikanischen“ Perspektive als entbehrlich erscheint-, d.h. die konkrete geschichtliche Substanz, ist das einzige Spezifische gewesen, das der „europäischen“ Moderne eine Legitimation verliehen hat.

  Aber auch der „(nord)amerikanische“ Zweig dieser Geschichte erfährt seinerseits beträchtliche Veränderungen als Folge dieses symbiotischen Wiedertreffens: so entscheidend oder noch weitergehend entscheidend als die, die beim „europäischen“ festzustellen sind. Es sind diejenigen Veränderungen, die aus ihr gerade die „amerikanische Moderne“ machen, die sich heute weltweit durchsetzt hat: „the american way of life“.
[. . .]

7.

Der am meisten bezeichnende Zug der „amerikanischen Moderne“ ist ihre totale oder unbedingte Bereitschaft, das Phänomen des Fortschritts zu verinnerlichen, d.h., die Verwirklichung des abstrakt produktivistischen Drangs nach „Produktion um der Produktion willen“, welcher der Kapitalakkumulation eigen ist und der „unsichtbaren Hand“ des Markts bei ihrer Arbeit hilft; die bedingungslose Hingabe zu der beschleunigten Veränderungen die dieser abstrakte Produktivismus im praktischen Leben und in die soziale Wirklichkeit einführt.

  Auf einem ersten, empirischen Niveau, würde sich der „Amerikanismus“, die „amerikanische Identität als ein Progressismus zeigen –ein Zug der jeder kapitalistische Moderne aufzeigt-, der sich aber radikalisiert hat oder bis zu seinem Extrem geführt worden ist, denn er hat jene identitären („kulturellen“), sozialen und politischen Hindernisse übersprungen, die den europäischen Progressismus gebremst hatten.

  Der „amerikanische Progressismus“, die totale Hingabe zu dem Fortschritt, erscheint als eine besondere Weise, die Zeitlichkeit der Lebenswelt zu konstruieren. Sie zeigt sich merkwürdigerweise als ein Präsentismus oder eine Zurückgezogenheit in der Gegenwart.

  Der „amerikanische Progressismus“ bringt einen systematischen Hermetismus der Alltags-Erfahrung mit sich, der all jenen Bestimmungen gegenüber zum tragen kommt, die aus der Vergangenheit oder der Zukunft der Gesellschaft als ein Ganzes herrühren. Anders gesagt, er führt zu einer Gleichgültigkeit oder Indifferenz, sowohl gegenüber den geschichtlichen Engagements, die in den Objekten der Lebenswelt kristallisiert sind und die alle Gemeinschaftsmitglieder angehen, als auch gegenüber den Erwartungen, welche die Gesellschaft als Subjekt aus der Gegenwart in die Zukunft projiziert. Die progressistische Zeitlichkeit wird in der „amerikanischen Moderne“ auf die Spitze getrieben; die Zeit wird immer nur als eine diskontinuierliche Folge oder eine Ansammlung von Gegenwartszeiten erfahren, welche die unzähligen, ad hoc um einen Unternehmungs-Vertrag gebildeten „Triben“ von privaten Individuen durchlaufen müssen.

  Der „amerikanische Progressismus“ führt auf diese Weise zu einem grundsätzlichen Apolitizismus. Er erzeugt eine Phobie gegen jegliche Instanz, die dem sozialen Leben –das ausschließlich als „bürgerliche Gesellschaft“ anerkannt wird-, bestimmte trans- oder meta-privaten Dinge und Ziele „aufzwingen“ will, die aus diversen „polis-artigen“ Erwägungen herrühren. Soweit diese Art Progressismus herrscht, kann die Politik nur als „Überbau der bürgerlichen Gesellschaft“ verstanden werden.

  Einen Gebrauchswert durch einen anderen, „besseren“, eine „Technologie“ durch eine andere, „effizientere“, ein menschliches Wesen durch ein anderes, mehr entwickeltes, zu ersetzen, dies alles im Rahmen der Erfahrung einer Zeitlichkeit welche die Zeit als den „Raum“ eines geradlinigen, aufsteigenden und unaufhaltsamen Verlaufs gelten lässt, darin besteht das fortschrittliche Verhalten. In der „real existierenden“ Moderne werden die Qualität des einen, die Effizienz der anderen und der Entwicklungsgrad des letzteren auf eine Weise definiert, die sich nach dem Bild einer menschlichen Identität richtet, welche selbst schon durch und durch marktorientiert gestaltet ist. Sie sollen einem design des Lebens und der Lebenswelt entsprechen und diese verbessern, in dessen Logik der télos der Verwertung des Warenwertes der Sachen, denjenigen der „Naturform“ derselben untergeordnet hat. Die Zukunft wird durch die Suche des Besseren (als das ökonomisch Güngstigere) definiert und nicht umgekehrt, das Bessere durch das Verführerische einer emanzipierten Zukunft. Was „effizient“, „besser“ oder „Entwickelt“ ist, muss den Kriterien eines Menschen gehorchen, der ausschließlich an der abstrakten oder „Wert-Produktivität“ sowohl seiner eigenen Aktivität wie deren Objekte interessiert ist. Es handelt sich übrigens um jene Produktivität, welche die Zugehörigkeit eines jeden Individuums zur Gemeinschaft bestimmt. Der Fortschritt, dem sich die Verwirklichung des „american dreams“ widmet, verbessert durchaus etwas; nicht den Menschen und seine Welt, wie er angibt -denn sie werden durch ihn in die tantalischen Verzweiflung des Konsumismus geworfen-, aber doch den Grad der Unterwerfung der „Naturalform“ des Lebens durch seine „Wertform“.

  Die grenzenlose Beschleunigung des Fortschritts konnte nur mit der Entwicklung der Moderne in Amerika kommen, wo der Widerstand des Gebrauchswertes gegen den Markt-„Wert“ waffenlos gewesen ist. Die Christianisierung Nordeuropas hatte in vielen Fällen das massive Entstehen von Menschen, deren Idiosinkratie oder Identität sich auf einem sehr elementaren Niveau reproduzierte, zur Folge. Es waren diese Menschen, die New England kolonisierten und die sich der „geschichtlichen Aufgabe“ widmeten, die kapitalistische Moderne auf einem parallelen Weg neben der Europäischen aufzubauen.

[. . .]

10.

Von all den Veränderungen, welche die kapitalistische Verwirklichung der Moderne durch ihre „Amerikanisierung“ erfahren hat, scheint die wichtigste zweifellos die Einführung einer „amerikanischen Hybris“, einer unmäßigen, absoluten Selbstüberhebung des modernen entfremdeten menschlichen Subjekts zu sein. Eine Hybris, die, nach der übereinstimmenden Beschreibung mehreren Autoren, in der praktischen Überzeugung besteht, eine „künstliche Natur“ geschaffen zu haben.

  Es ist nicht die „Treue“ zu einer „animalischen Natur“ des Menschen, die bestimmten Bedürfnissen und bestimmten Gütern eine „Natürlichkeit“ oder Notwendigkeit verleiht. Diese erhalten die Objekte des Kosmos oder der Lebenswelt vielmehr aus dem Projekt der Selbstbehauptung eines Subjekts, das der „meta- oder trans-natürlichen“ Seinsweise des menschlichen Lebens inhärent ist. Deswegen kann man von einer bestimmten Qualität des Lebens bzw. seiner Welt sagen, dass sie „künstlich“, artifiziell oder „nicht natürlich“ ist, wenn sie paradoxerweise nur auf das Animalisch-Natürlichen beim Menschen automatisch antwortet, d.h., wenn sie nicht auf eine menschliche Absicht und ein menschliches Projekt zurück zu führen ist, und der deswegen jene Notwendigkeit oder „(Trans-)Natürlichkeit“ fehlt, die das Subjekt in der Auseinandersetzung mit der „Natur“, im Sinne des „Nicht-menschlichen“ – entdeckt, bzw. stiftet. In anderen Worten, eine Qualität des Lebens ist „künstlich“, wenn sie schlicht auf das reagiert, was nur das Ergebnis einer zufälligen Veränderung in der Nachfrage der zu Waren gewordenen Güter ist, und nicht das Resultat einer „inneren“ Veränderung des Lebens sowie seiner Welt, welche das Subjekt durch irgend einen Weg des Konsensus –nicht unbedingt eines demokratischen- selbst beschlossen hat.

  Die Hybris oder absolute Selbstüberhebung des entfremdeten Menschen in der „amerikanischen“ Moderne besteht in der Anmaßung, die totale Subsumtion der „Naturform“ des menschlichen Lebens und seiner Welt unter ihrer beider „Wertform“ erreicht zu haben; eine merkwürdige Subsumtion, die dieses Leben nicht nur von außen und von innen umfunktioniert, sondern in ihm die „Naturform“ als solche vernichtet hätte. Sie äußert sich im praktischen Leben durch eine schleichende Reduzierung der „Mother Nature“ zu einem bloßen Arbeits- und Erholungsplatz des Menschen, durch eine stillschweigende Betonung der Selbstgenügsamkeit des Artifiziellen (oder „menschlichen“) und eine entsprechende Disqualifizierung der sozial-natürlichen Basis in der Beschaffenheit der Lebenswelt. Der Rest von Respekt, den die europäische Moderne vor dieser sozial-geschichtliche Natürlichkeit hatte, war ein Zeichen von „Schwäche“, ein „Nachteil“ gegenüber der „amerikanischen“ Moderne und ein erklärender Faktor der Krise und des Untergangs der ersten.

  Es ist, als ob mit der „amerikanischen“ Moderne eine neue „artifizielle Natürlichkeit“ zu Geltung gekommen wäre, eine seltsame „Natürlichkeit“ der kapitalistischen Ware, wo der sich verwertende Wert, der von ihr getragen wird, sich als fähig behauptet –great pretender-, nicht nur seine Verwertung unabhängig von den natürlichen Gebrauchswerte der Ware zu leisten, sondern noch dazu, die Entstehung von anderen, sie ersetzende Gebrauchswerte, zu bewerkstelligen. Die „amerikanische Moderne“ vernachlässigt die elementarste, „natürlichste“ Aufgabe eines jeden konkreten zivilisatorischen Projekts, die darin besteht, gleichzeitig und zusammenhängend im sozialen Leben eine Genügsamkeit bezüglich des Systems der Produktionsfähigkeiten und eine Fähigkeit zu sättigen bezüglich des Systems der Konsumtionsbedürfnisse zu gewährleisten. Die Erweiterung der Produktionskapazitäten, seien ihre Möglichkeiten auch unendlich, werden in der „amerikanischen“ Moderne nie dazu gelangen, die immer gierige Offenheit, die „metaphysische Unersättlichkeit“ der Konsumbedürfnisse decken zu können.

8.

Die grundlegende Verdrehung der Form des Gebrauchswerts, zu welcher technisch oder „natürlich“ die moderne große Industrie tendierte –und welche sie seit dem XVIII. Jahrhundert aus einem Instrument der Emanzipation des Arbeiters in ein Instrument seiner organischen Versklavung verwandelte-, liefert das Muster für das design des Gebrauchswerts der Waren. Dieses design des Gebrauchwertes der Waren wird der Produktion vom kapitalistischen Wert durch die systematische Implementierung seiner Selbsverwertung –mittels des „aleatorischen“ Spiels des Marktes- schlicht und einfach aufgezwungen. Es handelt sich um einen strukturell monströsen Gebrauchswert: zwar nützlich, aber nicht um das Leben zu fördern, sondern um den Selbstmord des Menschen und die Zerstörung der Natur, in welcher er sein Leben führt, voranzutreiben.

[. . .]

13.

Die von der kapitalistisch-moderne Zivilisation gehegte Illusion, eine totale Subsumtion der „Naturform“ des sozialen Lebens und seiner Welt unter ihr e igenes „Doppel“ sei erreichbar, griff leicht auf den Geist der amerikanischen wasps über und gab Zeichen, keine Illusion des american way of life, sondern die Wirklichkeit selbst zu sein. Es sind diese Zeichen welche das XX. Jahrhundert hindurch die ganze Welt fasziniert haben, und die in unseren Tagen, obwohl sie selber unklarer werden, in den okzidentalisierten Gebiete des Orients einen erneuten Glanz bekommen.

  Die eigentümliche Identität der „wasps“ trägt entscheidend zur Definition des „Amerikanismus“ bei, der ein wesentlicher Zug der Moderne in den letzten hundert Jahren gewesen ist. Doch genau so wie ein argumentativer Rückgriff auf „das Deutsche“ nicht für eine kausale Erklärung des Nationalsozialismus ausreicht, so genügt auch „das (Nord)amerikanische“ nicht, um der radikalsten Gestalt der kapitalistischen Moderne begrifflich Rechnung zu tragen. Weit davon entfernt, eine Folge des „Amerikanischen“ zu sein, ist es umgekehrt diese Gestalt, die das „(Nord)amerikanische“ als Instrument zu ihrer eigenen Verwirklichung benutzt. Die Durchsetzung der geschichtlichen Figur einer totalen oder absoluten kapitalistischen Moderne wäre hier das Substantiale, Wesentliche oder Zentrale; das Formale, Akzidentale oder „Rethorische“ wäre indessen das (Nord)amerikanische, was trotzdem eine entscheidende Stütze, ein zentraler Träger oder ein probates Mittel jener Durchseztung ist. Doch eins muss beachtet werden: Da die Durchsetzung dieses radikalen Typus von Moderne ein geschichtlich einziges, unwiederholbares Faktum ist, erhält die Stütze, die sie „zufällig“ im (Nord)amerikanischen hat, einen substantiellen, wesentlichen oder zentralen Charakter, und wird so von ihr untrennbar.

  Mehr noch als die Eigentümlichkeit eines Imperiums, sollte der „Amerikanismus“ als das Imperium einer Eigentümlichkeit gesehen werden: die, eines Menschen, der nach dem Bild der Kapitalistischen Ware zugeschnitten ist. Der „Amerikanismus“ ist nicht ein Identitätszug der nordamerikanischen Nation, der durch die USA auf dem ganzen Planet verbreitet wurde, sondern eine besondere Sorte von zivilisiertem Leben, die sich „zufällig“ der nordamerikanischen Geschichte und Identität bedient hat, um ihre Universalisierung zu erreichen, wobei sie bestimmte sittlich-ethnische Züge der nordamerikanischen Bevölkerung angenommen hat: ein spezifisch amerikanisches Sittlich-weiss-Sein (una blanquitud específicamente americana).

  Es wäre nicht zu abwegig zu sagen, dass das XX. vor allem das Jahrhundert der Konterrevolution gewesen ist; das Jahrhundert der Restauration der Diktatur des Kapitals, nach dem Schwächeanfall den sie dank der kommunistischen Selbstkritik der europäischen Moderne erfuhr. Es ist das Jahrhundert der amerikanischen Moderne gewesen, weil diese das funktionalste Vehikel der Konterrevolution gewesen ist.

[...]

  Nach 1914 oder 1919 und nach dem Entschwinden der revolutionären Identität der Proletarier in Europa, fing der sich verwertende Wert –das wahre Subjekt des entfremdeten modernen Lebens- an, sich zu benehmen, als ob er im Begriffe wäre, seine volle Verwirklichung zu erreichen, als ob er sein letztes geschichtliches Ziel zum Greifen nahe gewesen sei: die totale und absolute Unterordnung der „Naturform“ des menschlichen Reproduktionsprozesses. Doch die nationale Gesellschaften Europas befanden sich in einem offenen Krieg gegen die antikapitalistische Revolution, die sie selber erweckt hatten, und waren nicht imstande, dem erneuerten Kapital die konkrete Substanz, die es für seine Verkörperung brauchte, zu geben. Die einzige die das schaffen konnte -und zwar in Überfluss- war die Gesellschaft der amerikanischen kapitalistischen Moderne.

[...]

  Nicht viele bemerkten am Anfang, dass hinter dem naïven Übermut mit dem sich die „amerikanische Hybris“ darzustellen pflegte, der katastrophale Sieg der Konterrevolution sich versteckte.

Deutscher Kongress für Philosophie 2008



* Vortrag präsentiert in "Lebenswelt und Wissenschaft - XXI. Deutscher Kongress für Philosophie" 15. - 19. September 2008, Universität Duisburg-Essen; veröffentlicht auf der Website Bolívar Echeverría: Discurso Crítico y Filosofía de la Cultura (www.bolivare.unam.mx), Creative Commons License: Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.5.

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